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Samstag, 19. Dezember 2009

Gratulieren in der Facebook-Ära

Inzwischen verfügt man ja über eine breite Palette an Optionen, um einem Freund, Bekannten oder Verwandten zum Geburtstag zu gratulieren. Altmodisch gedacht, könnte man ihm oder ihr beispielsweise die Hand schütteln oder ihn oder sie umarmen und dazu Face-to-face einen herzlichen Glückwunsch artikulieren. Würde der Freund 200 Kilometer entfernt wohnen, hätte man die Option, ihm zwei Tage vorher eine Karte zu kaufen und diese per Post zu schicken, vielleicht auch ein Geschenk einzupacken. Bei spontanen Menschen tut es der Telefonanruf.
Mittlerweile ist die Facebook-Gratulation längst ein elementarer Bestandteil des Glückwunschinventars. Hat ein Facebook-Nutzer Geburtstag, dann können auf seinem Profil etliche Glückwunsche eintrudeln. Die Anzahl der Glückwünsche variiert natürlich erheblich. Einer bekommt vier, der andere 30. Besonders viele Geburtstagsgrüße auf einer Facebook-Seite signalisieren demnach entweder die Beliebtheit der betreffenden Person oder die Faulheit der Gratulanten, die den Griff zum Telefonhörer scheuen. Ein Mysterium, das ich gern lösen würde...

Montag, 28. September 2009

Un nuovo movimento

Heute im Zeit-Magazin eine reizende und nonchalante Betrachtung von Tillmann Prüfer über die Paninari gelesen, die italienische Subkultur der achtziger Jahre, die die Pet Shop Boys zu einem ihrer besten Lieder inspirierte: "Die Paninari schockierten nicht durch politische Forderungen, die sie an die ältere Generation stellten, sondern damit, dass sie sich von der Politik abwendeten, Amerika verehrten und sich dem Hedonismus hingaben". Ihre Hobbies, wie die Italiener sagen würden: "Superficialità, consumismo, vanità, gusto per gli eccessi".

Samstag, 26. September 2009

Der gebrauchte Jude

Ich habe keine Ahnung, ob Maxim Biller noch hin und wieder in der Lucca Bar in Leipzig sitzt oder in der Galerie Kleindienst und bei EIGEN + ART vorbeischaut. Oder ob er Spaziergänger, die ihn ansprechen, mit einem kühlen Blick abserviert und ratlos stehen blässt - wo sie ihm doch nur einige Sekunden der Verehrung widmen wollten. Vor einigen Monaten tat er dies noch. Vielleicht ist ihm die Heldenstadt noch böse wegen der frechen "Die Ossifizierung des Westens"-Wutrede.

Trauriger Optimist, Anti-Feminist, schlechter Deutscher – Autoren, die über Biller schrieben, sind immer recht erfinderisch bei ihren Charakterisierungen. Meiner Meinung nach ist Biller eine Mischung aus Arroganz, Empfindsamkeit und rhetorischer wie intellektueller Virtuostiät. Und dieser angry young man der deutschen Literatur, der dem Publikum früher in der Zeischrift Tempo 100 Zeilen Hass vor die Füße warf, hat ein neues Buch veröffentlicht: "Der gebrauchte Jude. Selbstporträt" und nachdem ich Henryk M. Broders unterhaltsame Rezension, die mit einem gewaltigen Schuss Polemik gewürzt ist, im SPIEGEL gelesen habe, will ich es unbedingt haben. Broder über Biller: "Bekäme Biller den Literatur-Nobelpreis - womit er übrigens fest rechnet - würde das an seinem Komplex nichts ändern. Er käme sich weiter benachteiligt, zu kurz gekommen und verkannt vor, weil ihm der Preis viel zu spät verliehen worden wäre - wie Marcel Reich-Ranicki, der nach nach dem neunten Ehrendoktor nicht vergessen hat, dass er bei der "Zeit" nie zu einer Konferenz mitkommen durfte.

Sonntag, 20. September 2009

Digital ist schlechter



Musik ist heute flüchtiger als gestern. Eine CD brenne ich mir in Nullkommanix. Deswegen hänge ich mir meine Kassetten von früher wie Trophäen an die Wand. In meiner Kindheit war eines meiner Lieblingshobbies, Kassetten aus der Bücherei auszuleihen und mir auf meine eigenen Tonbänder zu überspielen. Hatte ja genug Zeit. Am liebsten hab ich mir die Beatles überspielt. Und die Rolling Stones. Hat immer lang gedauert, bis ich die richtige Zusammenstellung gefunden hatte. Weil ich nämlich die Liedfolge der Beatles komplett über den Haufen warf und die Kassetten so zusammenstellte, wie es mir gerade in den Kram passte. Also beim Yeah-yeah-yeah-Frühwerk der Beatles von Please please me bis Rubber soul. Den Rest von Revolver bis Let it be hatte ich dann schon auf CD. Der Rückkehr der Kassette wird ja schon seit einiger Zeit gehuldigt wie hier im Leipziger Laden Die Kassette. Oder auf den Mixtape-Exchange-Parties. Bin ich dabei.

Samstag, 19. September 2009

Über die Einsamkeit



Ich fange an, die negative Konnotation der Einsamkeit aufzuweichen und den Begriff für neue Deutungen zu öffnen, da Einsamkeit etwas Produktives in sich trägt und kein Zustand ist, für den man sich schämen oder der getarnt werden muss. Dazu habe ich etwas Schönes in der Zeit von Jana Simon gelesen, die Charlotte Gainsbourg interviewt, die sich ja bisher nicht gerade eines isolierten Daseins verdächtig gemacht hat. Doch Charlotte sagt im Interview über ihre Kindheit: "Ich war immer einsam, deshalb fühlte ich mich nicht schlecht damit."
Ulf Poschardt hat ein ganzes Buch über Einsamkeit geschrieben. Er sagt im Interview einen zustimmungswürdigen Satz: "Leider tendieren die Einsamen mehr und mehr dazu, daheim zu bleiben und DVDs zu gucken. Der soziale Einsame ist der Kinogänger, der asoziale der DVD-Kunde." Und er sagt einen zweiten noch zustimmungswürdigeren Satz, wenn er von seiner Jugend in Nürnberg spricht: "Das, was sich an Vorstellungen, Wünschen und Ideen im Innern meines Kopfes abspielte, war nicht mit meiner damaligen fränkischen Umwelt zu synchronisieren".

Montag, 8. Juni 2009

hanging around with paris syndrom at the lakeview hotel

Neulich abend stellten meine Freunde und ich fest, dass es in Leipzig nur eine Handvoll Bars gibt, in die wir gern ausgehen. Das Cantona ist mein liebstes Café - hier gehe ich tagsüber hin, wenn die Sonne scheint, sitze auf den Holzbänken und schaue den vorbeiradelnden Menschen hinterher, die auf der Windmühlenstraße unterwegs sind. Abends trinken wir hier Gin Tonic und Ur-Krostitzer. Ich freue mich jedes Mal diebisch, wenn dort Fußball gezeigt wird - leider vermisse ich bei meiner Leipziger Community jegliche Ballsport-Affinität.
Auch das Hotel Seeblick ist durchaus eine zehnminütige Fahrradfahrt von meiner Wohnung aus wert, wenngleich die Kellner hier den Moscow Mule mit erhabener Gleichgültigkeit servieren. Doch der Indiepop, der im Hintergrund läuft, macht die Gelangtweiltheit des Personals wett.
Selten bin ich zur Zeit in der Nato. Ich liebe die Außenansicht mit der Leuchttafel, auf der Konzerte und Filme angekündigt werden. Der verqualmte Innenrein ist vielen meiner Freunde ein Graus - deswegen sind Besuche im Winter rar.
Elegant ist das Paris Syndrom mit seinen Louis-Viutton-Sitzen und der gigantischen Glasfront. Ich bewundere die Namensgeber, da ich schon immer ein Faible für jegliche Art von Syndromen hatte.
Die Schauspieler von Centraltheater und Skala treffen sich in der Kneipe vor der Skala, die den Namen Kneipe von all meinen hier erwähnten Kandidaten als einzige verdient. Sie befindet sich in der Gottschedstraße und ist neben der Barcelona die beste und einzige Wahl in dieser Straße. Hier saßen schon illustre Gäste wie Blixa Bargeld, Matias Faldbakken und Mia Ming.