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Mittwoch, 30. Dezember 2009

Die große Frustation. Wider den Einschlaf-Journalismus. Eine Polemik.

Es ist mal wieder Zeit, dem Journalismus die Leviten zu lesen. Das Modell der Zeitung als Potpourri von Berichten, die scheinbar zusammenhanglos nebeneinander stehen und allenfalls einen minimalen Ausschnitt der Realität zeigen, ist dysfunktional, denn die Fragmentierung und Zersplitterung des Publikum ist in vollem Gange und wird 2010 rasant fortschreiten. Das Internet-Manifest - Wie Journalismus heute funktioniert ist zwar schon ein paar Monate halt, trotzdem sollte es sich jeder halbwegs seriöse Journalist 2010 hinter die Löffel schreiben.
Regionalzeitungen jenseits von Spiegel, Süddeutscher Zeitung und Zeit gleichen heute reinen Seitenbefüllungsunternehmen, die einen Großteil ihres Inhalts mit dpa-Meldungen abdecken. Rationaler wäre es, wenn dpa täglich einen Mantelteil von acht Seiten produzieren würde und damit alle Regionalzeitungen beliefern würde.

Das Abklappern von Terminen ist der Tod des kreativen publizistischen Geistes. Veröffentlichung von Texten statt Journalismus. Das System krankt am Mangel an Passion, Witz und Verve. Langweile regiert. Eigene Recherche, eine persönliche Haltung des Autors und individuelle Erzählstücke - all das passiert nicht mehr in den Zeitungen mit mittelgroßer Auflage, sondern in der überregionalen Presse, in Zeitschriften und Blogs. In den Feuilletons der Regionalzeitungen werden Berichte lieblos durcheinandergeschmissen und gemutmaßt, dass den durchschnittlich 60-jährigen Leser der Tod von Michael Jackson interessiert oder das Metal-Konzert in der städtischen Mehrzweckhalle. Wäre hier nicht eine thematische Trennung zwischen Print und Online vonnöten: Print als Angebot für den Leser ab 40 Leser und Jugendthemen generell ins Online-Angebot packen?
Im Jahr 2009 ist das Anzeigenaufkommen der Zeitungen um 15 Prozent gesunken. Für 2010 hofft der Bund Deutscher Zeitungsverleger auf eine Stablisierung auf niedrigem Niveau. Im Klartext: schlimmer geht es nicht. Da bei vielen Zeitungen ein geringeres Anzeigenvolumen weniger Seiten bedeutet, werden die Zeitungen dünner. Für den Leser ärgerlich, schließlich bekommt er weniger Zeitung für dasselbe Geld. Ein Auweg aus dem Dilemma: mehr Texte im Online-Angebot präsentieren. Denn schließlich sind Redakteure Textprodukteure - und ob sie für Print oder Online schreiben, sollte ihnen letztlich schnurz sein.
Das Internet-Manifest als theoretische Charta muss erst noch mit Leben erfüllt werden. Na dann: Es gibt viel zu tun.

Die Medien ... haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln - das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein.



Das Internet verändert verbessert den Journalismus.
Durch das Internet kann der Journalismus seine gesellschaftsbildenden Aufgaben auf neue Weise wahrnehmen. Dazu gehört die Darstellung der Information als sich ständig verändernder fortlaufender Prozess; der Verlust der Unveränderlichkeit des Gedruckten ist ein Gewinn. Wer in dieser neuen Informationswelt bestehen will, braucht neuen Idealismus, neue journalistische Ideen und Freude am Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten.


Qualität bleibt die wichtigste Qualität.
Das Internet entlarvt gleichförmige Massenware. Ein Publikum gewinnt auf Dauer nur, wer herausragend, glaubwürdig und besonders ist. Die Ansprüche der Nutzer sind gestiegen. Der Journalismus muss sie erfüllen und seinen oft formulierten Grundsätzen treu bleiben.


Ist das denn so schwer begreifbar, verdammt noch mal?

Kommentare:

J.P.H. hat gesagt…

Vorsichtige Verteidigung der Druckerschwärze I

Folgt man einer intersubjektiven Konsenstheorie der Wahrheit (wie sie Habermas entwickelt hat), dann ist die Wahrheit immer neu zu hinterfragen, muss sich neuen Argumenten aussetzen und besteht immer nur vorläufig im fortgesetzten Dialog. Insofern Journalismus der Wahrheit verpflichtet ist, ist es somit begrüßenswert, wenn sein Beitrag zur Weltwahrnehmung und Weltkonstitution als „ständig verändernder fortlaufender Prozess“ (Internet-Manifest) kenntlich wird.

Um Argumente zu entwickeln, ist aber Muße vonnöten: Zeit in der das Gesetz der Aktualität, das Rat Race um Aufmerksamkeit für eine Weile dispensiert ist. Betrachtet man die medialen Voraussetzungen von Internet und gedruckter Zeitung, ist nicht einfach zu bestimmen, welches Medium für eine derartige Entschleunigung, die im Bereich des Journalismus natürlich nur eine relative sein kann, die besseren Bedingungen liefert.

Durch den Druckprozess gibt es bei der klassischen Zeitung Stichtage, einen Redaktionsschluss am Abend oder einem bestimmten Tag der Woche und somit – zumindest in der Theorie – festgelegte Zeiträume für fundiertes journalistisches Arbeiten. Online ist es möglich, alles sofort zu kommentieren und leider führt das ab und an zu schlampigen Artikelserien, in der eine eilig zusammengeschusterte Version die eben veraltete ersetzt und so fort. Unterstellt sich die gedruckte Zeitung allerdings dem Diktat unbedingter Aktualität – ein Rennen, das sie im Vergleich mit Onlinemedien nur verlieren kann – entfaltet der Termindruck vor der nächsten Ausgabe tendenziell dieselbe negative Wirkung – während der fehlende Fixtermin im Internet ja auch die Möglichkeit bietet, einen Artikel erst dann online zu stellen, wenn er wirklich durchdacht und wasserfest ist.

(Nebenbei hat ja schon die Erfindung des Telegraphen der Sucht nach Aktualität die Bahn gebrochen und dennoch gab es weiterhin hochwertigen Journalismus. Und auch die aus dieser Erfindung resultierende neue Textform des dreizeiligen Fait divers, für sich genommen reiner Boulevard und eher bedenklich, wurde unter den Händen eines Redakteurs wie Félix Fénéon interessant und durchaus bedenkenswert – mit Auswirkungen möglicherweise sogar auf den modernen Roman eines Joyce (Danius/Zischler: „Nase für Neuigkeiten“).)

Wenn Journalismus vor allem der öffentlichen Meinungsbildung dient und sich aus dieser Funktion auch seine Bedeutung für eine demokratische Gesellschaft ableitet, stellt neben dem Aktualitätsdruck vor allem die Zersplitterung der Leserschaft ein Problem dar. Diskussionen in kleinen, gleichgesinnten Zirkeln sind als erster Schritt der Selbstvergewisserung sicherlich notwendig und auch wünschenswert und hier gibt es, abgesehen von der erfreulichen regionalen Entgrenzung, wohl auch keine fundamentalen Unterschiede zwischen überschaubaren Online-Communitys und früheren Kaffeehausrunden.

Um jedoch eine tatsächliche öffentliche Diskussion zu initiieren, ist es notwendig, dass die unterschiedlichen Meinungen bei einer Debatte auf einer möglichst großen Bühne aufeinander treffen. Um nicht im Partikularen zu verkümmern, braucht es Konsensmedien, die von möglichst vielen beobachtet, sprich gelesen werden und in denen die Einzelne bzw. der Einzelne und einzelne Gruppen mit dem jeweils Anderen und ganz Anderen konfrontiert werden. Dabei laufen Konsenspublikationen natürlich immer Gefahr Ausschlussmechanismen auszubilden und vom Durchschnitt abweichendes Anderes zu marginalisieren. Gerade hier liegt ja eine der Stärken des Internet, da es solche Ausschlussmechanismen unterläuft.

[Fortsetzung in Kommentar II]

J.P.H. hat gesagt…

Vorsichtige Verteidigung der Druckerschwärze II

Wenn die obige Argumentation richtig ist [Kommentar I], stellt sich also die Frage, welche Publikationen in welchen Medien die Funktion erfüllen können, als Orte einer allgemeinen Diskussion unterschiedliche gesellschaftliche Positionen für die breite Öffentlichkeit kenntlich zu machen? Da der Trend sowieso dahin geht, sich in Peergroups zusammenzufinden, erscheint es mir persönlich nicht sinnvoll, auch von redaktioneller Seite darauf hinzuwirken, Menschen ab 40 an gedruckte Zeitungen zu verweisen, jüngere hingegen generell an das jeweilige Onlineangebot. Vielleicht bietet ja gerade die gedruckte Zeitung – sofern sie mit Esprit und Leidenschaft interessant und vielfältig gestaltet ist – aufgrund ihrer materiell bedingten Trägheit die Chance, zu einem Ort der Begegnung zu werden, der nicht schon von Beginn an durch eine zu starke thematische Reduktion oder Konzentration in seiner Leserschaft begrenzt ist. Vielleicht entwickeln sich diese Orte aber auch online.

Ob im Bemühen um guten Journalismus den Algorithmen von Suchmaschinen dabei immer der Vorrang vor einer auswählenden Redaktion zu geben ist, die sich durch kontinuierliche und überprüfbare gute Arbeit ja auch Vertrauen erwerben kann, erscheint mir fraglich. Sicherlich sind das Verlinken untereinander und die gegenseitige Bezugnahme als Meinungsbildung von unten begrüßenswert. Werdende Mediengroßmächte wie Google sollten aber ähnlich kritisch betrachtet werden wie althergebrachte Medienhäuser.

Und auch der hauptberufliche Journalist wird in Zeiten des Onlinejournalismus nicht überflüssig werden: Recherche braucht Zeit, Journalismus ist auch ein Handwerk, fundierte journalistische Arbeit lässt sich nicht einfach so nebenher erledigen und diejenigen, die sich dieser Profession verschrieben haben, müssen auch davon leben können. Dass die medialen Voraussetzungen des Internet es auch dem engagierten Citoyen erlauben, gehört zu werden, ist als Ergänzung zum professionellen Journalismus selbstverständlich ein Fortschritt und natürlich müssen auch dessen Meinungsäußerungen unter rechtlichem Schutz stehen.

Für die Qualität des Journalismus ist also nicht unbedingt das gewählte Medium entscheidend. Es kommt darauf an die jeweiligen Chancen und Risiken, die sich aus der medialen Eigengesetzlichkeit der verschiedenen Medien ergeben, zu reflektieren und vor dem Hintergrund dieser Reflexion interessante Beiträge zu liefern. Tritt dieser Prozess ein, wird die gedruckte Zeitung nicht überflüssig werden, sondern möglicherweise als entschleunigtes, im positiven Sinne träges Medium lediglich eine neue Rolle übernehmen und damit die publizistischen Möglichkeiten für Journalisten erweitern, die je nachdem einmal im Netz, einmal auf bedrucktem Papier veröffentlichen.

Widerspruch erbeten.